Annakirche in Etmißl

Wo sich Oisching- und Lonschitzbach vereinen wurde von slawischen Bauern eine Siedlung gegründet, die an einen Gotfrid de Czetmiczel erinnert, der mit seinem Hof dem Kloster Sankt Lambrecht untertänig war. Später hinterließen bairische Siedler ihre Spuren und im Laufe der Zeit hat sich auf 712 Meter Seehöhe eine beschauliche Ansiedlung entwickelt. Das von einer stattlichen Kirche dominierte heutige Ortszentrum ist eine relativ junge Erscheinung. Für religiöse Belange war in früheren Zeiten – wie für zahlreiche Orte im Aflenzertal – die Hauptkirche Sankt Peter in Aflenz zuständig. Zwar gab es eine kleine Bergkapelle im Ort. Doch um Gottesdienste zu besuchen, musste die Etmißler Bevölkerung den Weg über den Fegenberg nach Aflenz bewältigen. Deshalb ist auch der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus mehr als verständlich. Vom Erwerb eines Grundstückes für einen Kirchenbau Ende des 18. Jahrhunderts vergingen allerdings rund 80 Jahre bis schließlich im Jahre 1860 der Grundstein für eine eigene Kirche gelegt werden konnte. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Errichtung der Kirche durch die gemeinsame Arbeitsleistung der Bewohner ermöglicht wurde: Bauholz und Baumaterialien wurden unentgeltlich zur Verfügung gestellt, zahlreiche freiwillige Arbeitsstunden wurden geleistet bzw. Geldbeträge entrichtet. So konnte schließlich im September 1865 die ANNAKIRCHE durch Dechant Bauer eingeweiht werden. Seit 1961 zur Pfarre Thörl gehörend lukriert die Gemeindekirche neben öffentlichen Mitteln auch gegenwärtig finanzielle Hilfe von Förderern und Unterstützern für Sanierung bzw. Instandhaltung.
Das Tympanongemälde im ostseitigen Portal mit der lehrenden Anna verrät die Kirchenpatronin. Der Kircheraum ist einschiffig, wird im Westen von einem 5/8 Chor abgeschlossen und beeindruckt durch interessantes Interieur. Überraschender Eyecatcher und sprühendes Feuerwerk sind die grell-bunten Glasmalereifenster: An den Langhauswänden die vier Evangelisten mit ihren Attributen, das fünfte Fenster in der Orgelempore zeigt das Lamm Gottes. Für den künstlerischen Entwurf ist die renommierte Glaskünstlerin Schwester Basilia Gürth verantwortlich, handwerklich umgesetzt im Kloster Schlierbach. Werke der bekannten künstlerisch tätigen Benediktinerin befinden sich u.a. im Wiener Stephansdom und in der Grazer Franziskanerkirche, des weiteren portraitierte sie namhafte klerikale Persönlichkeiten und Stars aus Film- und Opernwelt. Der von den Kirchenfürsten Petrus und Paulus flankierte Hochaltar ist in marmorierten Rot- und Blautönen ausgeführt und zeigt eine für eine Annakirche typische Darstellung: Mutter Anna lehrt ihrer Tochter Maria das Lesen, womit die Symbolhaftigkeit einer „Weisheitsgöttin“ der Mutter Mariens verdeutlicht wird, der die vielfältige Bildung ihrer Tochter wichtig ist.
Das Patronat der heiligen Anna ist für die beschauliche Gegend gut gewählt. Seit der Barockzeit als eine der beliebtesten Heiligen Österreichs mit den meisten Kultstätten in der Steiermark ist sie sehr stark mit dem Brauchtum verbunden. So war beispielsweise der Dienstag der Heiligen geweiht und darum ein beliebter Hochzeitstag. Gut besucht waren ab dem 18. Jahrhundert die zahlreichen Annen-Kirtage, wo u.a. geweihtes “Annenwasser” angeboten wurde, das gegen Kopfweh und manch andere Übel Abhilfe bringen sollte. Analogien zur heiligen Anna sind bereits in vorchristlichen Kulturen zu finden. So hat es beispielsweise die römische Muttergöttin Iana (Juno) den frühen Christinnen leicht gemacht, die christliche Urmutter Anna zu akzeptieren. „An“ ist eine der sechs Ursilben der Menschheit und bezeichnet etwas verehrungswürdiges, uranfänglich Weibliches. Ahne bedeutet Altmutter bzw. Vorfahrin aber auch Begriffe wie Enkel, Amme und Hebamme leiten sich von diesem Wortstamm ab.
Zu erkennen gibt sich die Heilige zumeist durch ihr edles Outfit im Stil einer Matrone mit grünem Mantel und rotem Kleid. In der Kunstgeschichte tritt sie häufig als sogenannte Anna selbdritt auf: In dieser Dreiergruppe hält sie als Mutter der Gottesgebärerin die mädchenhafte Maria im einen, das Jesuskind im anderen Arm oder auf dem Schoß. In Etmißl besonders gebührend gefeiert wird ihr Namenstag, der 26. Juli.
Maria Zifko, www.zifko.guide