Froniuskreuzweg

STATIONEN AM WEG
Der Glaskreuzweg in Thörl von Hans Fronius
Der jüngste Kirchenbau unseres Pfarrverbandes birgt in seinem Inneren ein zeitgenössisches künstlerisches Highlight, das seinesgleichen sucht, das jedoch erst nach Überwindung anfänglicher Distanziertheit realisiert werden konnte und heute mit großer Wertschätzung gesehen wird.
So wie die gesamte Gestaltung des zeltförmigen Gotteshauses der Aufbruchsstimmung in Kirchenkreisen in den frühen 60iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschuldet ist, so war vor allem der Glasfenster Kreuzweg von Hans Fronius revolutionär und ein Novum.
Spiritueller Motor des anspruchsvollen Projektes war der Bauherr vor Ort und Mitbegründer der neuen Pfarre Josef Koch. Aufgrund von persönlichen Kontakten zu seinem ehemaligen Zeichenlehrer Hans Fronius konnte er den damals bereits arrivierten Künstler für sein Anliegen gewinnen.
Für die Gestaltung des Kreuzweges wurde die große Fläche der Ost-Wand mit Durchbrüchen und Luken in unterschiedlicher Höhe aufgelöst. Die schießschartenartigen, sich konisch verengenden Öffnungen erregen Aufmerksamkeit durch unregelmäßige viereckige Formen und umfassen die einzelnen Glasbilder.
Hans Fronius, der in geistiger Nähe zu Msgr. Otto Maurer stand, wählte für die Herstellung der Fenster die renommierten Glaswerkstätten des Stiftes Schlierbach und entschied sich für das kostbare französische Kathedralglas, das auf Grund der natürlichen Schlieren das Licht optimal differenziert. Die Geschehnisse der einzelnen Stationen sind in grell leuchtende Farben getaucht, sehr reduziert und abstrakt und in Schwarzlotmalerei ausgeführt. Bei dieser Technik wird eine spezielle Schmelzfarbe bei hohen Temperaturen in das Glas eingebrannt, wodurch ein graphischer Effekt entsteht. Die Farbgebung der einzelnen Stationen ist überlegt gewählt, wie beispielsweise die drei brennenden roten Flächen - Jesus fällt zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male. Das am höchsten positionierte Bild leuchtet in einem spezifischen Weiß mit dunklen Kontrasten und erweist sich als Darstellung des Gekreuzigten.
Der Glas-Kreuzweg in Thörl gilt als bemerkenswertes Werk des österreichischen Expressionismus. Wie für diesen Kunststil typisch, möchte der Künstler sein persönliches und inneres Erlebnis dem Betrachter vermitteln, der ästhetische und der naturalistische Aspekt treten in den Hintergrund.
Der 1903 in Sarajewo geborene Maler, Graphiker und Illustrator Fronius gilt als einer der bedeutendsten steirischen Künstler des 20. Jahrhunderts ,war Mitglied der Grazer Secession, entstammte einer Siebenbürger Patrizierfamilie und hat sich zeitlebens mit der Passion Christi auseinandergesetzt. Als knapp 11jähriger wurde er 1914 Augenzeuge des Attentates auf den Thronfolger Franz Ferdinand, dieses Ereignis hat sein künstlerisches Schaffen durchsetzt. Mit einer zehnteiligen Holzschnittfolge zu Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ gelang ihm 1931 der künstlerische Durchbruch. Dieses frühe Werk widmete er seinem verehrten Freund Alfred Kubin, mit dem ihn eine lebenslange Künstlerfreundschaft verband.
Text von Maria Zifko, www.zifko.guide
Literatur bzw. Quellen:
Josef Riegler, Geschichte der Gemeinde Thörl
Ferdinand Reisinger, Der Kreuzweg in Thörl